Transit durch einen Diktatorenstaat: Turkmenistan


Ashgabat, Dervaza Gas Krater, Konye Urgench
05. - 08. Mai 2019

Grenzen – immer wieder ein Spaß

Nachdem wir nun eigentlich einen Tag „zu spät“ an der Grenze sind, weil der Grenzübergang am Tag davor schon geschlossen hatte hoffen wir, dass heute alles reibungslos läuft. Wir sind früh da (aber natürlich nicht die ersten) und als wir an die Grenze kommen sehen wir schon ein deutsches und ein slowenisches Auto vor uns stehen. Sie sind schon fast durch mit dem iranischen Teil des Übergangs, der wichtig ist, damit wir für unser noch in Deutschland erworbenes Zollpapier „Carnet de passage“ unser Geld zurück bekommen. Die anderen beiden haben auf dem Weg zur Grenze dafür ein Papier an einem Postenhäuschen bekommen, wir beide nicht, oh man. Zum Glück geht es nach einem Telefonat trotzdem weiter und die iranische Grenze ist relativ schnell und reibungslos erledigt.

Bei der turkmenischen Grenze fängt auch alles gut an, Bezahlung der Gebühren und Passkontrolle gehen relativ schnell.  Für Turkmenistan haben wir ein sogenanntes Transit-Visum, dass uns erlaubt in 5 Tagen (für uns jetzt nur noch 4 Tage) auf direktestem Wege durch das Land zu reisen. Direkt heißt wirklich die kürzeste Route von A nach B, man muss genau angeben wo man entlangfahren und übernachten möchte und das wird dokumentiert. Danach bekommt man einen GPS-Tracker ans Auto, damit auch überprüft werden kann ob man sich wirklich daran gehalten hat (ob das letztendlich wirklich jemand prüft ist fraglich ;)). Ein Touristenvisum für Turkmenistan um länger im Land zu bleiben ist sehr teuer und man muss mit Guide reisen, aber das hätte uns sowieso nicht so interessiert (und hat sich bei der Fahrt durch's Land nachher auch bestätigt).

Ich muss alleine durch die Personenkontrolle und als ich wieder rauskomme stehen die Damen der anderen beiden Autos auch vor dem Gebäude. Wir dürfen hier nicht weg, dürfen weder zurück zu unseren Autos noch zu unseren Männern. Selbst als wir immer mal wieder probieren um die Ecke zu linsen werden wir von einem jungen Militär zurückgepfiffen. An sich sind die Leute an der Grenze sehr nett, aber jeder kleinste Schritt hier wird überwacht und begleitet. Wir sind etwas nervös, weil wir wissen, dass nun die Fahrzeugkontrolle ansteht und man ja nie weiß, was sie so zu beanstanden haben. Insgesamt warten wir über eine Stunde auf Lebenszeichen, bis das erste Auto, dass von einem deutschen Paar aus München, Christian und Karin, anrollt. Wir dürfen zwar immer noch nicht hin, aber er zeigt ein „Thumbs Up“, alles gut. Das erste Auto wird am detailliertesten gefilzt (Christian muss alles ausräumen), bei uns sind sie danach weniger genau.
Als alle drei Autos durch sind dürfen wir endlich mit dazu und erfahren, dass die Grenzbeamten entschieden haben, dass wir drei Autos jetzt gemeinsam durch Turkmenistan fahren sollen und daher auch nur einen GPS-Tracker bekommen haben. Die Männer haben aber schon ausgemacht, dass wir zwar gemeinsam bis zum nächsten Kontrollpunkt in ca. 25km fahren, danach aber jeder seinen Weg fährt.

Bis zum besagten nächsten Kontrollpunkt dürfen wir weder anhalten noch aussteigen noch Fotos machen. Warum wissen wir nicht, aber es wird mehrfach darauf hingewiesen. Genau dieser Abschnitt ist allerdings wunderschön, tolle Berglandschaft, Blumenwiesen und das Beste: überall laufen Schildkröten herum! Große, mittlere, kleine und ganz kleine laufen am Wegesrand, auf der Straße und in den Wiesen – soooo süß! Und wir dürfen nicht raus! Zum Glück ist hier kaum Verkehr und wir sehen nur lebendige Tiere. Ab und an sieht man einen Militär mit Gewehr durch die Wiesen stracksen, was sie hier machen: keine Ahnung. Aufpassen wahrscheinlich.

Beim Grenzposten werden nochmals unsere Ausweise kontrolliert und kurz ins Fahrzeug geschaut, dann sind wir „in die Freiheit“ entlassen. Wir verabschieden unsere Mitfahrer, machen aber mit Christian und Karin lose aus, dass wir uns wieder treffen.

Auf illegalen Wegen unterwegs - Ashgabat


Uns begrüßt das mächtige Eingangstor nach Ashgabat, einer sterilen, Menschen-leeren und total überdimensionierten Prunkstadt. Wo das Auge hinreicht riesige, weiße Gebäude in denen höchstwahrscheinlich nicht ein Mensch sitzt. Sechsspurige, perfekt ausgebaute Straßen führen durch die Stadt, es gibt riesige, sehr schöne Parks in denen nur leider keiner ist – und das obwohl heute Wochenende ist. Ein ganz krasser Kontrast zu Iran!

Wenn man doch mal einen Menschen zu Gesicht bekommt, sind diese gar nicht wie ihre Stadt. Sie sind bunt gekleidet, mit langen schönen Kleidern und toll gebunden Kopftüchern. Die Strassenkehrerinnen (ausschließlich junge Frauen) sehen aus, als kommen sie gerade vom Laufsteg, so gut sind sie gekleidet.

Wir fahren zu einem großen Supermarkt um Proviant einzukaufen, da wir die nächsten 2-3 Tage in der Wüste verbringen werden wo es keine Versorgung gibt. Jannis hatte von Christian erfahren, dass wir bei unserem ersten Mal Geldwechseln von Dollar in turkmenische Manat kurz vor der Grenze über's Ohr gehauen wurden. Wir hatten noch von einem Wechselkurs von 1 USD zu 7 Manat gelesen, allerdings war der von 2017 und durch die hohe Inflation gealtert. Mittlerweile bekommt man für einen USD ca. 18 Manat. Im Supermarkt sehen wir, dass wir so mit unserem Geld nicht weit kommen und irgendwo nochmal an Geld kommen müssen. Was gar nicht so einfach ist, denn an jedem ATM bekommt man den offiziellen Wechselkurs von einem USD zu 3 Manat, was ein riesiger Verlust wäre, offizielle Wechselstuben gibt es laut unseres Wissens nicht und der Schwarzmarkt ist auch nicht ganz einfach zu finden. Zum Glück treffen wir Christian und Karin im Supermarkt wieder. Christian hatte gelesen, dass es wohl in bestimmten Souvenirgeschäften auf dem russischen Basar der Stadt Möglichkeiten gibt an Geld zu kommen.
Das müssen wir ausprobieren, also machen wir uns auf den Weg zum russischen Basar. Nach ein wenig herumlaufen finden wir einen Laden, der in etwa wie ein Souvenirgeschäft aussieht. Wir tun erst so, als ob wir uns wirklich Sachen anschauen und irgendwann als der Verkäufer guckt fragen wir leise „money exchange?“. Er winkt sofort ab und wir verlassen den Laden. Na das kann ja heiter werden. Wir sind total hungrig, haben seit dem Frühstück nichts gegessen und beschließen, zumindest zwei gefüllte Teigtaschen an einem kleinen Stand zu kaufen – dafür reicht unser Geld auf jeden Fall.
Als wir bezahlen fragt Jannis die ältere Frau hinter dem Stand, ob sie wisse wo wir Geld tauschen können. Sie schaut sich kurz um, fragt für wie viel und nickt dann in Richtung eines Handyladens ein paar Meter weiter. Wir bedanken uns und laufen mit den Teigtaschen in der Hand in den Shop. Obwohl noch ein anderer Mann im Laden ist frage ich nach „money exchange“, aber der Mann hinter dem Tresen reagiert nicht wirklich, wirkt eher nervös. Erst als der andere Mann weg ist geht er darauf ein, fragt wie viel wir wechseln möchten und für welchen Kurs. Wir wollen für 1 USD 20 Manat, er tippt 17 auf seinen Taschenrechner ein. Wir sagen 18, er versucht es noch mit 17,5 aber willigt schließlich bei 18 Manat pro USD ein. Ganz unbekümmert zählt Jannis die 50 USD zusammen, die wir wechseln wollen und gibt sie dem Mann. Dieser greift das Geld und geht hinter seinem Tresen in die Hocke, zählt das Geld und die Manat die wir dafür bekommen unauffällig und kommt dann wieder hoch, streckt Jannis das Geld entgegen und der Deal ist abgeschlossen. Wie fühlen uns wie beim illegalen Drogenkauf... Aber immerhin haben wir jetzt Geld!
Wir kaufen gleich nochmal zwei Teigtaschen, weil sie so lecker waren und die Frau fragt uns leise ob alles geklappt hat und welchen Wechselkurs wir bekommen haben. Sehr verrückt das Ganze!

Danach kaufen wir ordentlich ein auf dem Basar, Obst, Gemüse und was es sonst noch so gibt. Zwei junge Turkmenen sprechen uns an. Der eine spricht auf Englisch mit uns, er wirkt etwas nervös aber ist sehr freundlich und freut sich hier Touristen zu sehen. Sie sind beide turkmenische Soldaten, heute haben sie frei. Wir erfahren später, dass Turkmenen eigentlich nicht mit Touristen sprechen dürfen (vermutlich damit sie keine Informationen von außen bekommen, die sie zum Nachdenken anregen könnten...), aber vielleicht ist das bei Soldaten ja anders.

Nach unseren Erlebnissen auf dem Basar fahren wir zu einem Hotel, von dem wir gelesen hatten, dass man auf deren Parkplatz stehen darf. Es ist in einer relativ grünen Straße gelegen, direkt mit einem kleinen Supermarkt und zwei netten Cafés/Restaurant um die Ecke. Auf dem Parkplatz treffen wir Christian und Karin wieder, die eigentlich etwas außerhalb der Stadt parken wollten, aber immer wieder von Polizisten davon abgehalten wurden bestimmte Straßen zu fahren. Auch das ist hier normal, vieles darf nicht fotografiert werden und in manche Straßen darf man nicht rein. Sie erzählen uns, dass sie durch diese ganzen Umwege durch Straßen gekommen sind, die das „wahre“ Ashgabat zeigen, nämlich Schotterstraßen und heruntergekommene Häuser. Der Rest ist nur Fassade.

Nachdem wir das erste, sehr gut schmeckende Bier seit über 3 Wochen genossen haben gehen wir mit den beiden in eines der Restaurants. Es ist wirklich nett eingerichtet, so cool und kreativ hätte ich hier niemals ein Restaurant erwartet. Wir bestellen uns sogar Cocktails. ;)
Nach ein paar sehr netten Stunden zu viert verabschieden sich die beiden und wir hängen noch ein Abendessen hintendran.

Heiß, heißer – „Gate to hell“

Da wir in spätestens drei Tagen wieder an der Grenze sein müssen machen wir uns am nächsten Vormittag direkt nach dem Frühstück auf in Richtung des Dervaza Gas Kraters, nach Ashgabat unserem zweiten angegebenen Stopp in Turkmenistan. Als wir aus der Stadt heraus fahren ändert sich das Bild sehr schnell, erst kommen nach sowjetischem Stil gebaute Wohngegenden mit immer gleichen Häusern, irgendwann folgen dann einfach Dörfer mit Schotter- oder Erdstraßen. Unsere Strecke ist hier zum Glück noch gut befahrbar. Wir sehen viele wilde Kamele und halten noch an einem großen Wasserkrater. Gegen frühen Nachmittag erreichen wir über Sandpisten das sogenannte „Gate to Hell“ - ein riesiger Gaskrater mitten in der Wüste, der seit vielen, vielen Jahren konstant brennt. Es gibt verschiedene Gerüchte wie der Krater zu brennen begonnen hat. Die einen sagen, sowjetische Ingenieure hätten ihn angezündet und gedacht, er würde in wenigen Tagen ausbrennen. Eine andere Theorie ist, dass jemand einen brennenden Reifen hineingeworfen hat.
Wie auch immer es war, der Krater brennt immer noch lichterloh und ist wirklich beeindruckend.
Das Tolle ist, wir können direkt oberhalb der Kraters mit dem Bus stehen und haben so einen super Blick. Um diese Zeit ist es allerdings abartig heiß hier mitten in der Wüste und die Fliegen sind eine regelrechte Plage. Daher können wir die nächsten Stunden nichts machen als einfach nur herumzuliegen und sich ja nicht zu bewegen.
Irgendwann rollen auch Christian und Karin an, die vorher in Ashgabat noch beim Toyota Service waren und die Hitze ist mittlerweile so erträglich, dass wir es uns zu viert vor dem Bus gemütlich machen. Die beiden haben interessante Geschichten vom Leiter der Toyota Werkstatt parat. Dieser wollte extra ein bisschen mit ihnen „raus“ fahren (sie vermuten, damit er frei reden kann und nicht eventuell abgehört wird) und nimmt sie mit für eine Rundfahrt durch die Stadt. Er erzählt ihnen das:
1. Die riesigen, modern aussehenden Wohnhäuser innen zwar wirklich sehr exklusiv ausgebaut sind mit Pool und Co., die Häuser aber zu 99% leer stehen, zum Teil ist nur eine Wohnung je Haus besetzt.
2. Offiziell von der Regierung angegeben wird, dass in Ashgabat 1 Million Menschen leben, eigentlich sind es aber nur ca. 300.000 (man will sich größer machen als man ist).
3. Alle Autos in Ashgabat weiß sein müssen, das ist jetzt sogar offiziell geregelt. Gut für seine Werkstatt, die Umlackierungstermine sind für die nächsten Monate komplett ausgebucht.
4. Es ein Gesetz gibt, dass Autos geputzt sein müssen.
5. Nur Autos mit Ashgabat Kennzeichen nach Ashgabat rein fahren dürfen, Autos von anderen Regionen in Turkmenistan nicht.
6. Er als Werkstattbesitzer angehalten ist alles zum offiziellen Wechselkurs von 1 USD = 3 Manat zu kaufen, es dann aber zum Schwarzmarktkurs wieder verkauft, was für die Kunden super, für ihn aber überhaupt nicht toll ist.
7. Karin und Christian erzählen ihm von den vielen Straßen durch die sie nicht durchfahren dürften. Der Werkstattleiter nickt zum Bild des Präsidenten, dass wirklich überall hängt (à la Putin: mal im Arztkittel, mal als Soldat, mal als Businessman, mal ganz sportlich, ...) und sagt: „Wenn ER Fahrrad fahren geht und durch die Stadt spaziert, werden viele Straßen in der Innenstadt dafür gesperrt. Da das wohl relativ häufig vorkommt nervt das alle.... Wenn es das nicht war, dann entweder weil sie kein weißes Autos haben (ihres ist beige) oder weil sie das „wahre“ Ashgabat nicht sehen sollten (Schotterpisten, verfallene Häuser, …).
Schon spannend das Ganze. Wir sitzen noch bis spät und es ist ein sehr schöner Abend. Bevor wir ins Bett gehen, müssen wir aber natürlich nochmal ganz nah an den Krater, denn bei Dunkelheit sieht das riesige lodernde Feuer noch spektakulärer aus. Wir machen viele Fotos und es ist eine tolle Atmosphäre: brandheiße Luft bläst einem aus dem Krater entgegen, man hört nur das Lodern des Feuers in der Wüste, sonst ist alles still und menschenleer. Einzig herumfliegende und unkontrolliert abstürzende Mistkäfer „stören“ das Szenario. ;) Wir sind uns sicher, dass die Stelle an der wir jetzt campen in ein paar Jahren sicher kostenpflichtig ist, so prädestiniert wie dieser Platz ist.

Am nächsten Morgen sind Karin und Christian natürlich vor uns auf dem Weg. Wir hatten uns eigentlich noch auf ein gemütliches Frühstück gefreut, aber Hitze und vor allem die Tausenden von Fliegen machen uns einen Strich durch die Rechnung.

Konye Urgench – Campertreffen in Turkmenistan

Die Strecke nach Konye Urgench, unserem letzten Stopp vor der usbekischen Grenze und UNESCO-Weltkulturerbe ist grauenhaft. Wir kommen stellenweise nur mit 10 km/h voran, brauchen eine Ewigkeit. Zum Glück sind es „nur“ noch etwas mehr als 200 km zu fahren. Wie schon von Ashgabat zum Gate to Hell sehen wir auch heute relativ flache Wüste mit niedrigen Büschen. Hier und da sind kleine Dünen und Sandverwehungen zu sehen.
Am Nachmittag kommen wir in Konye Urgench an. Wir besuchen die Ruinen der alten, damals sehr wichtigen Stadt. Allerdings ist alles sehr verteilt und die Sonne brennt, daher belassen wir es bei einem etwas kleineren Rundgang. Neben Karin und Christian sind noch zwei weitere Camper heute hier angekommen, beide kennen wir schon auf Yazd und Mashhad im Iran. Sie sind einen Tag vor uns über die turkmenische Grenze gefahren, aber da beide Kinder dabei haben nicht ganz so schnell voran gekommen wie wir. Wir parken alle gemeinsam auf einem großen Parkplatz und verbringen des Rest des Nachmittags dort mit allen. Später gehen wir mit Karin und Christian noch auf den örtlichen Basar, der endlich mal das „wahre“ Leben in Turkmenistan zeigt. Auch hier sind die Menschen extrem freundlich und sprechen sehr gerne mit uns. Als alle anderen im Bett sind, setzen wir vier uns nochmal zusammen, genießen den turkmenischen Wodka (der wirklich nicht schlecht ist!) mit Eiswürfeln und Zitrone und sitzen bei warmen Temperaturen bis wir müde sind.

Früh am nächsten Morgen brechen wir zur Grenze auf, da wir nicht wissen wie lange das Prozedere für die Ausreise aus Turkmenistan und die Einreise nach Usbekistan braucht, denn beide Grenzübergänge sind berüchtigt. Wir sind sogar noch etwas vor Öffnung der Grenze da, für uns beide neuer Rekord. Mal schauen, was jetzt auf uns zukommt...

Hier gibt's die Bilder zur Geschichte
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